Oktobermarkt mit Windhund

Ein, für Ende Oktober, erstaunlich warmer, aber Regen verheißender Sonntag.

Wir beschließen, trotz dunkler Wolken, auf den nahegelegenen Oktobermarkt zu fahren. Mein Mann, meine Mama, unsere Galga Lana und meine Wenigkeit. Wir mit Schirmen im Gepäck und Galga  Lana vorsorglich in einen Regenmantel, mit Überdenkopfziehkragen, gehüllt.

Es nieselt leicht, als wir den ersten, der unzähligen Marktstände erreichen. Interessiert wühlen wir uns durch das Wintersockenangebot. Meinem Mann fällt im Eifer des Gefechts ein Dreipaarsockenpaket in den Rinnstein, als direkt hinter ihm eine Frau kreischend zur Seite hüpft, weil haarscharf neben ihr eine Wasserflut vom stellenweise durchhängenden Vordach stürzt. Hier muss es heute Morgen schon ordentlich geregnet haben. Nach dem ersten Schreck lachen alle, auch die reaktionsschnelle Frau, nur Lana nicht, die beschnüffelt die gefallenen Socken, die wir vergessen aufzuheben. Mit Socken ohne Gummi, knielang und kürzer ziehen wir weiter.

Unserer guten Laune können der Regen und sein Schabernack nichts anhaben. Mamas Gehwagen eignet sich übrigens prima zum Verstauen der gekauften Güter, die vorsorglich in Plastiktüten, auch nässegeschützt. Lana zieht die Aufmerksamkeit der Marktbesucher auf sich, weil ihr Mantelkragen nur ihre lange Nase freigibt. Eigentlich fällt sie als Windhund immer auf, aber in diesem Mantel eben noch mehr. Liebevoll seufzende Blicke, sofern Blicke seufzen können, aber auch spöttische Worte und Fingerzeige. Die Spötter nur neidisch, dass sie selbst so nass und der „blöde Hund“ so eingehüllt trocken.

Fast alles wird feilgeboten. Auch einen Hallen-Tierschutzflohmarkt gibt es und kaum drinnen verfolgt uns ein mitleidiger -Armer-Hund-Kommentar-. Wieso armer Hund, fragt mein Mann etwas aufgebracht in die vorbeiströmende Menge. Keine Ahnung, aber motzen, murmel ich vor mich hin, während ich Lana den hier überflüssigen Mantel ausziehe. Die Urheber der hintergrundlosen Aussage sind nicht auszumachen und geben sich auch nicht zu erkennen. Arm war Lana. Damals in Spanien, als sie halbverhungert im Müll wühlte und falls diese Idioten lediglich den Mantel gemeint hatten, dann sollten die mal schauen, wie sie unsere Galga ohne Mantel aus dem Haus bringen, wenn es tröpfelt, oder gar Katzen hagelt. Obwohl, würde es Katzen hageln, würde Lana…

Schön trocken und warm ist es auf dem Tierschutzflohmarkt. Lana macht sich gleich über eine auf dem Boden stehende, mit Kuchen gefüllte Tasche einer Tierschützerin her, aber hier ist man ja tierisch kulant. Während wir stöbern und Mamas Gehwagenlagerkapazitäten ausreizen, liegt Lana, elegant wie immer, mit gekreuzten Vorderbeinen mitten im Weg. Sie lässt sich bewundern und vorsichtig umlaufen.

Ich finde in den Bücherkisten katzenurinstinkende Schmöker, die ich natürlich sofort melde. Hastig wird entsorgt und sich bei mir bedankt. Keine Ursache. Eines der bepinkelten Bücher hat mich interessiert. Es wird mir trotzdem angeboten, da nur unten links Pipigelb. Ich lehne dankend ab. Mein Mann findet eine Butterdose, ich kaufe urinfreie Bücher, ein Shirt und diverse Kleinigkeiten und Lana steckt erneut kopfüber in einer verbotenen Tasche mit Speisen und lässt sich, liebevoll betüddelt, von deren Besitzerin herausziehen. Mama sitz mittlerweile wartend auf einem grauen Plastikstuhl und wirkt durch den überladenen Gehwagen, wie eine noble Pennerin mit richtig viel Hab und Gut.

Beim Verlassen der Halle trägt mein Mann, gefolgt von Mama, den Einkaufsgehwagen die Außentreppen herunter. Windhundbegeisterte halten mich an besagter Treppe vom korrekten Anziehen des Regenmantels ab, weil sie mir Löcher in den Bauch fragen. Irgendwann schaffen es Lana und ich dann auch nach draußen. Nun  regnet es heftiger und ich korrigiere sofort den Sitz des Hundemantels, da Lana Anzeichen macht, ihre langen Beine in die Steintreppe zu graben und keinen Schritt mehr zu machen.

Ich ziehe ihr den Überkopfziehkragen über den Kopf, dann geht es. Wir kommen vorwärts. Mama auch, obwohl sie schwerer schiebt, als bei unserer Ankunft.

Trotz Platzregen kaufen wir noch leckeren Ziegenkäse der, im Gehwagen liegend, Lana dazu bringt, Mama sekundenlang zu folgen, als wäre strahlender Sonnenschein.

 

Unser nächstes trockenes Ziel ist ein kleines Zelt am Anfang des Marktes. Kürbissuppe mit Baguette, selbstgebackener Kuchen, Waffeln und handgebrühter Kaffee locken. Das haben wir schon bei unserem Eintreffen ausspioniert.

Mama hält an einem Schmuckstand, der mit seinem kläglichen Einmetervordach kaum Regenschutz bietet. Sie begeistert sich für in Silber gefasste Topasohrringe, als der Himmel endgültig seine Schleusen öffnet. Unterm schmalen Vordach läuft die Menschenwärme der mangelhaften Trockenheit den Rang ab, da weitere Marktbesucher sich schutzsuchend unterstellen und jeder sich eng an den anderen presst. Mein Mann, der Lana an der Leine und am anderen Ende des Standes steht, kommt auf eine wahnwitzige Idee: Da es nur noch ein paar Meter zum kleinen Kuchenzelt…

Ich rufe ihm über die feuchten Leute hinweg zu, dass er das mit Lana vergessen könne, doch er winkt unüberlegt ab und macht den ersten Schritt. Lana spürt Zug und vier lange Beine bohren sich augenblicklich an Ort und Stelle in die Straße. Die Menge raunt ein mitleidiges

-Ohhh- und ich sage zu Mama, habe ich es nicht gesagt. Mein Mann macht seinen Schritt rückgängig, ich wende mich wieder dem Schmuckstand zu und Mama, die völlig unbeeindruckt vom Katastrophenregen, ihre Ohrringe betrachtet fragt, ob sie die nun nehmen solle, oder nicht. Ich schaue, über die auf edlen blauen Samt gebetteten Schmuckstücke, ob sich nicht doch noch etwas anderes für Mama finden lässt, vernehme einen kollektiven Aufschrei und erblicke in dieser Sekunde unseren Windhund, der auf den silbernen Ringen stehend, sich ausgiebig schüttelt und so gar nicht zum blauen Samt passen will.

Lanaaaaaa, rufe ich entsetzt und mein Mann, ein Mann der Tat, schnappt sich den Galgo und hievt ihn unverzüglich vom Schmuckstand runter. Ein Ring, in einer Vorderpfotenzehe hängen geblieben, rollt auf die Straße und wird von einem klatschnassen, aber geistesgegenwärtigen Passanten fußgestoppt und zurückgebracht. Die Münder der Augenzeugen stehen offen, ich schäme mich in Grund und Boden und die Schmuckfrau bringt hastig und leicht irritiert die Ringe in Ordnung, während sie auf meine Frage, ob etwas kaputt sei, nur den Kopf schüttelt und meine Mama will nun sicher die Topaklunker. Satzfetzen dringen an mein Ohr. -Der Hund ist alles, nur nicht klein–, -der ist da hoch gesprungen-, -aus dem Stand, auf den Stand–, -hat man so was schon mal gesehen–, -der Mann dort wollte ihn zwingen– und ähnliches. Mama bezahlt und der Regen lässt nach.

 

Im kleinen Zelt angekommen lässt der Schreck nach und wir schmunzeln was das Zeug hält. Lana habe ich es unterm Tisch, auf meiner warmen Jacke, die ich extra ausgezogen, gemütlich gemacht. Erstens kann man die waschen, zweitens braucht Lana immer Weiches unterm Arsch und drittens beginne ich feucht zu frösteln. Am Tisch nebenan erzählen Kaffeetrinker, Suppen- und Kuchenesser von einem großen Hund der auf einen Schmuckstand gesprungen sei, um einen Ring zu klauen. Lana ist unterm Tisch kaum zu sehen.

Auf dem Weg zum Auto erkennt uns der eine, oder andere, aber es hat aufgehört zu regnen. 

Oktobermarkt mit Windhund