Die Puppe

Warum ich den Kofferraum meines Autos öffnete wusste ich nicht. Auch nicht, warum ich überhaupt zum Auto gelaufen war. Warum mein Mann neben mir stand, als ich mich nach vorne beugte und mein Kopf im Kofferraum verschwand und somit auch die Sicht auf ihn, wusste ich ebenso wenig. 

Ich blickte auf fünf Puppen, die in Reih und Glied im Halbdunkel nebeneinander saßen und nur darauf zu warten schienen, dass die Fahrt ins Blaue losgehen würde. Wie Kinder, die man in den falschen Teil eines Autos gesetzt hatte, umgeben von einem Verbandskasten, einem alten Teppich und einer leeren Wasserflasche.  Sie waren wunderschön anzusehen in ihren verspielten, romantischen Kleidchen und ich freute mich über sie.

Nacheinander berührte ich zaghaft ihre starr lächelnden Gesichter.

 

„Du gehörst ihr nicht!“, murmelte ich bei jeder berührten Puppe, lächelte und schien zufrieden über diese Erkenntnis. Bei der letzten Puppe, ganz rechts, wurde mir plötzlich unbehaglich zumute. Ich fröstelte. Wollte meine Finger vom künstlichen Rot ihrer Bäckchen zurückziehen, ihr rotes Spitzenkleidchen nicht mehr ansehen müssen. Wollte wissen, ob mein Mann noch neben dem Auto stand, aber dazu hätte ich mich hinausbeugen müssen und das konnte ich nicht, weil sich kleine, winzige Finger wie Dolche in meinen Unterarm bohrten. Zwei Puppenhändchen hielten mich so fest, dass ich nicht den Oberkörper nach hinten ins Freie bringen konnte.

„Du gehörst ihr!“, flüsterte ich ängstlich, wusste aber nicht was meine Aussage bedeutete und schaute in bösartig blitzende Glasaugen, die mich zu verschlingen drohten.

„Ich kriege Dich du Schlampe!“. Zuckersüß, wie zarte Glöckchen klang die Puppenstimme, doch was sie sagte, war nicht lieb gemeint.

Panik stieg in mir auf und endlich dachte ich daran zu schreien. Mein Mann würde mich herausziehen. Er würde mich retten, doch nichts passierte. Ich brachte keinen Ton heraus. Ich formte stumme Schreie der Angst. Immer und immer wieder, während ich versuchte, diese kleinen, erbarmungslosen Händchen abzuschütteln, nicht mehr in diese diabolischen Augen blicken zu müssen.

„Hilf mir!“, hörte ich mich endlich rufen. Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein.  Weinend lag ich in den Armen meines Mannes, der mich tröstete.

„Du hattest nur einen bösen Traum Liebes!“, beruhigte er mich und zog die Bettdecke über uns.    

 

Am folgenden Tag fand irgendwo auf dieser Welt ein kleines Mädchen beim Spielen auf der Straße eine Puppe.  

„Mama sie redet mit mir“, rief das Mädchen freudig, als es heim kam und ihr Fundstück der Mutter entgegen streckte.

„Wo hast du die den her?“, fragte die Mutter.

„Sie lag neben einem Auto“, antwortete das Kind, spuckte sich auf die Finger und rieb den Schmutz von den roten Bäckchen der Puppe. „und sie gehört mir, dass hat sie mir gesagt.“

Die Mutter lächelte:„Zieh ihr das rote Spitzenkleidchen aus, ich werde es waschen.“

Die Puppe